Sonntag, 11. Mai 2014

"Der Prozess": 90 Jahre alter Stoff wirkt überraschend aktuell

Einen interessanten und intensiven Theaterabend am Schauspielstudio Dortmund bietet „Der Prozess“ in der Inszenierung von Carlos Manuel.  Bekanntlich wird in dem berühmten gleichnamigen Roman von Franz Kafka der Bankangestellte Josef K. angeklagt und nach einem undurchsichtigen Verfahren, das sich über ein Jahr hinzieht, hingerichtet.  Josef K. erfährt während der ganzen Zeit nicht, wer ihn angeklagt hat und warum. Er ist sich keiner Schuld bewusst.

Dieser fast 90 Jahre alte Stoff erweist sich als überaus aktuell. Wie oft sehen sich auch die Menschen in unserer heutigen Gesellschaft – egal ob in Beruf oder Privatleben – als Teil einer Maschinerie, die sie nicht durchschauen und auf die sie keinen Einfluss haben. Sie sind Akten von Willkür ausgesetzt und wissen nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist, und wie sie sich richtig verhalten sollen. Ein bisschen passt diese Thematik zu zwei anderen Stücken, die gerade am Schauspiel laufen: „Autschland d’Amour“ und „Der Revisor“ – nur dass „Der Prozess“ wesentlich besser ist.

Weil die Schauspieler im Studio teilweise so nahe an die Zuschauer kommen, dass die Besucher in der ersten Reihe die Beine einziehen müssen, um nicht berührt zu werden, ergibt sich eine große Intensität. Die Zuschauer ist fast Teil des Ganzen – einmal ruft Josef K. den Zuschauern zu: „Ihr seid alle angeklagt.“ Diese Nähe ist ein  großer Vorteil von Stücken im Studio gegenüber solchen im großen Haus.

Die fünf Schauspieler Björn Gabriel, Andreas Beck, Uwe Rohbeck, Sebastian Graf und Merle Wasmuth geben wie immer alles und bieten auf diese Weise eine tolle Leistung – Merle Wasmuth gelingt es dabei zusätzlich, eine gehörige Portion Erotik in den Abend zu bringen, die den Gymnasiasten, die das Stück ansehen, weil es Lehrstoff im Deutsch-Leistungskurs ist, die Schamesröte ins Gesicht treibt. Viele kleinere, aber gelungene Regieeinfälle sorgen dafür, dass die 100 Minuten im Nu vergehen.



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