Mittwoch, 16. März 2016

Fluxus: Emmett Williams im Museum Ostwall

Emmett Williams: 13 Variations
 oJThe Estate of Emmett Williams

Bild: Juergen Spiler
Das Museum Ostwall im Dortmunder U (MO) zeigt bis 11. September grafische und poetische Arbeiten des Künstlers Emmett Williams unter dem Titel "Emmett Williams: Visuelle und Konkrete Poesie".

Emmett Williams gehört zu den Mitbegründern der Kunstrichtung Fluxus – jener Kunstbewegung, die heute im MO im Mittelpunkt steht. Emmett Williams ist in der Sammlung des Museums Ostwall vielfach vertreten: Einzelne seiner Werke tauchen in Fluxus-Publikationen der Sammlung auf, und auch an Arbeiten Dieter Roths, der der Fluxus-Bewegung nahe stand, ist Williams als Mitmusiker oder Autor beteiligt. Vor allem aber ist Emmett Williams in der Sammlung als Dichter der Konkreten Poesie vertreten. Die 18 Werke aus den Jahren 1958 bis ca. 1970, die nun im Museum Ostwall zu sehen sind, präsentieren vor allem die poetische Seite des Fluxus-Pioniers.

1925 in Greenville, South Carolina geboren, studiert Williams zunächst Poesie in Gambier, Ohio, und – nach seinem Umzug nach Europa 1949 – Anthropologie in Paris. Ende der 1950er Jahre, von 1957-1959, bewegt sich Williams im "Darmstädter Kreis", einer Gruppe von Dichtern, die mit Konkreter Poesie experimentieren. Zu diesem gehören auch Claus Bremer und Daniel Spoerri, dessen Arbeiten aus dem Kontext des Nouveau Réalisme und des Fluxus ebenfalls im MO zu sehen sind. Gemeinsam geben sie die Zeitschrift "Material" für zeitgenössische Dichtung heraus. Auch Dieter Roth, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbinden sollte, trifft Williams hier. 1962 ist Williams Mitorganisator der "Internationalen Festspiele Neuester Musik" in Wiesbaden und begründet hier eine neue, auf Performance, Publikumsbeteiligung und Alltagsbezügen basierende Kunst: Fluxus.

Die im Grafik-Kabinett des MO gezeigten Arbeiten aus den 1950er und 1960er Jahren zeigen jedoch seine fortwährende Auseinandersetzung mit Text und Sprache. Buchstaben- und Stempelbilder bilden teils geometrische, teils leichte, schwebende Kompositionen, in denen das einzelne Zeichen als reine Form erscheint; andere erinnern an Figurengedichte, in denen Form und textlicher Inhalt korrespondieren. Ein besonderes Blatt bezieht sich auf das "Fischgedicht" von 1970, bei dem Williams mit dem Alphabet markierte Karpfen in einem Becken immer wieder neue Buchstabenkonstellationen bilden ließ. So wurde aus dem konkreten Gedicht ein lebendiges Fluxus-Gedicht.

Nicht nur in seinen Fluxus-Performances, sondern auch in seinen Texten zeigt sich Williams’ Sinn für Humor. Seine 13-teilige Serie von Stempelbildern ("13 Variations") basiert auf Gertrude Steins "when this you see remember me”: Sechs Worte, die in jeweils einer bestimmten Farbe gestempelt zunächst einzeln, dann in Gruppen und schließlich als "Allover" das ganze Blatt bespielen. Williams schreibt hierzu:

"Das Gedicht gehört zu einer Gruppe, die ich "Universalgedichte" nenne. Mein geistiges Ohr hat es aber auch schon als Chorwerk für vierundzwanzigtausendfünfhundertsechsundsiebzig Stimmen gehört. […] Manchen Lesern mögen die fortschreitenden Variationen unpoetisch erscheinen. Diese gewissenhaften Leute möchte ich auf Diter Rots Experiment verweisen, ob ein Kaktus besser auf Camembert oder auf Kartoffelsalat wachse. Das Ergebnis ist unwesentlich; es ist die Suche, die uns aus der Wüste führt."

Die Suche, d.h. der aktive Gebrauch des Textes durch einen kreativen Leser, ist es denn auch, was Williams’ Dichtung mit Fluxus verbindet: Der passive Rezipient wird zum aktiven Teilnehmer.

Museum Ostwall im Dortmunder U

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