Sonntag, 19. Juni 2016

Dortmunder Sprechchor am Schauspiel: Erstmals auf der großen Bühne

Lord Henry. Foto: Hupfeld
Dortmunder Sprechchor zum Vierten: Nach „Margot Maria Rakete“, „Hamletmaschine“ und „Kaspar Hauser“ hatte am Samstag die vierte reine Sprechchor-Produktion Premiere: Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ – in einer überarbeiteten Fassung von Thorsten Bihegue.

Ein wichtiger Unterschied zu den Vorgängern ist die Spielstätte: Der Sprechchor, den das Dortmunder Schauspiel gerne als sein „17. Ensemblemitglied“ bezeichnet, ist raus aus dem beengten Studio und rein in die Ausweichspielstätte Megastore in Hörde. Und das ist gut so, haben die rund 80 Akteure dort doch viel mehr Möglichkeiten und sind nicht mehr – wie zuletzt in „Kaspar Hauser“ – gegenüber dem Publikum in der Überzahl. Und der Chor nutzt diese Möglichkeiten – zum Beispiel, indem er die Zuschauer zu Beginn nicht direkt auf ihre Plätze bittet, sondern sie zunächst durch einen riesigen Schönheitssalon mit Massage, Haarpflege, Schuhe putzen und Maniküre führt. Ein gelungenes Intro, das auf das Thema des Abends einstimmt. Auch einen ersten Blick auf den sich schminkenden Dorian Gray – in vielfacher Ausfertigung – können die Zuschauer bei dieser Gelegenheit erhaschen.

Zweiter Unterschied ist, dass die Mitglieder nun erstmals während eines ganzen Stücks feste Charaktere darstellen. Sie müssen also viel mehr schauspielerische Arbeit in die Waagschale legen, als bei den früheren Produktionen. Eine Weiterentwickung.

Dieser Sprechchor-Abend verändert Theater-Sehgewohnheiten. Es ist zunächst ungewöhnlich, sämtliche Dialoge in einem handlungsbasierten Stück im Chor zu hören. Auf Seiten der Akteure erfordert das ein Höchstmaß an Konzentration und Präzision. Verpasst nur einer seinen Einsatz und spricht seinen Text später als die anderen, entsteht ein Textbrei, der für die Zuschauer kaum noch zu verstehen ist. Doch diese Schwierigkeit meistert der Sprechchor mit Bravour – da spürt man die mittlerweile fünfjährige Erfahrung.

Als Zuschauer ertappt man sich dabei, wie man von einem Gesicht zum anderen huscht und dabei interessante Unterschiede entdeckt, wie jeder seine Rolle interpretiert. „Viele auf der Bühne. Und jeder einzigartig“ nennt Dramaturg Alexander Kerlin diesen Aspekt im Presse-Begleitmaterial. Das passt.

Weitere Charaktere sind der diabolische Lord Henry, Maler Basil, Tante Agathe, die Schauspielerin Sibyl Vane und „Die Weisen“, letztere dargestellt vom Kindersprechchor. Das Bildnis des schönen Dorian wird nach Art des Hauses als Video auf große Bühnenelemente projiziert. Ein gelungener Theaterabend.

Andreas Schröter

Besetzung:

Dorian Gray: Solveig Erdmann, Waltraud Grohmann, Jörg Karweick, Birgit Korte, Günter Ott, Ulrike Späth, Ulla Stadermann-Hellweg, Sigrid Täubert, Leonie Uliczka, Lea Sofie Wesner

Lord Henry: Regine Anacker, Gabriele Brozio, Anne Grundmann, Jürgen Hecker, Udo Höderath, Margret Kloda, Katrin Osbelt, Sylvia Reusse, Bärbel Schreckenberg, Roland Schröter-Liederwald
Basil: Sabine Bathe-Kruse, Heidemarie Brüne, Heide Buhren, Margret Corcilius, Bärbel Göbel, Peter Jacob, Ellamarie Kuke, Edgar Rupp, Anette Schäfer, Gisela Tripp, Andreas Vollmer
Chor/Tante Agathe: Gerlinde Albers, Barbara vor den Bäumen, Angelika Bammann, Dorothea Borghoff, Barbara Born-Wildt, Jo Bullmann, Bärbel Capelle, Barbara Domanski, Lilli Fehr-Rutter, Claudia Flenner-Nordhaus, Elke Grevel, Sabine Hensel, Angelika Jankowski, Rika Kaestner, Tassilo Kastner, Elke Kalwa-Feige, Karin Knoll, Petra Krug, Ulrike Müller, Inge Nieswand, Heidi Ott, Elisabeth Pavel-Wohlert, Elke Recks, Traudel Gundula Richard, Petra Maria Roth, Maria Rühling, Birgit Rumpel, Maria Schriewer, Jörg Schubert, Christoph Schubert, Elisabeth Stamm, Isabel Uliczka, Reinhilde Walkenhorst, Sabine Weiland
Sibyl Vane: Sabine Hensel, Karin Knoll, Heidi Ott, Petra Maria Roth
Die Weisen: Alexei Fihmann, Anastasia Fihmann, Carla Fischer, Rieke Grohmann, Nelly Jung, Shamayim Katz, Amelie Krämer, Ella Kruse, Alice Simon, Amelie Uliczka, Leonhardt Walkenhorst, Michal Zamir

Regie: Thorsten Bihegue, Alexander Kerlin
Bühne und Kostüme: Clara Hedwig, Vanessa Rust
Komposition: Tommy Finke
Video-Art: Tobias Hoeft, Joscha Richard, Mario Simon, Oliver Wessler
Licht: Sibylle Stuck
Ton: Gertfried Lammersdorf
Regieassistenz: Maximilian Steffan
Betreuung des Kindersprechchors: My Dung Walkenhorst
Inspizienz: Ralf Kubik

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