Sonntag, 7. August 2016

Zum 54. Todestag Hermann Hesses: Originalmanuskript des Dichters schlummert in der Stadt- und Landesbibliothek

Am Dienstag vor 54 Jahren starb Hermann Hesse (2. Juli 1877 – 9. August 1962). Seine literarischen Werke wie „Siddhartha“ oder „Der Steppenwolf“ sind weltberühmt. Weniger bekannt ist, dass der Nobelpreisträger auch zeichnete und viele seiner Texte selbst illustrierte. Ein solcher Schatz findet sich in der Handschriftenabteilung der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund: Ein Original-Manuskript des Liebesmärchens „Piktors Verwandlungen“, handgeschrieben und illustriert von Hermann Hesse.

Piktor wandert durchs Paradies und trifft einen Paradiesvogel. „,O Vogel, wo ist denn das Glück?’ ,Das Glück' sprach der schöne Vogel und lachte, und öffnete dabei seinen goldenen Schnabel, ,das Glück o Freund ist überall, in Berg und Tal, in Blume und Kristall.’“

In der Handschriftenabteilung der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund befindet sich unter der Signatur Hds. 184 ein literarisches Kleinod: „Piktors Verwandlungen“, ein 14-seitiges Liebesmärchen von Hermann Hesse, handschriftlich in Sütterlin von ihm verfasst und eigenhändig verziert mit 17 farbig aquarellierten Zeichnungen. Hermann Hesse schrieb und illustrierte diese Geschichte im Herbst 1922 für seine zweite Frau Ruth Wenger. Insgesamt drei handgeschriebene Exemplare sind überliefert, wobei die Dortmunder Handschrift im Sommer 1923 entstand.

Sommerlich bunt und leicht beschreibt Hesse die Suche nach dem Leben, dem Glück und nach dem Paradies. Die Geschichte handelt von dem jungen Piktor, der eines Tages einsam ins Paradies kommt
sich wünscht, ein Baum zu werden. Nachdem er viele Jahre als Baum existiert hat, fühlt er sich immer noch einsam und unvollendet – bis sich eine junge Frau in den Schatten des Baumes legt und ebenfalls wünscht, ein Baum zu werden. Da im Paradies Wünsche wahr werden, verwandelt sie sich, und beide leben glücklich vereint weiter.

Die Handschriftenabteilung der Stadt- und Landesbibliothek wird geleitet von Jens André Pfeiffer. Viele verborgene Schätze lagern dort:

Unter den kostbaren mittelalterlichen Handschriften findet sich u.a. die älteste Handschrift der Sammlung aus dem 9./10. Jahrhundert: ein Pergamentblatt mit einer Initiale mit Vogelmotiv von Gregorius Magnus. Unter den ca. 3000 Frühdrucken (aus der Frühzeit des Buchdrucks) gibt es auch eine kolorierte Erstausgabe von Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ aus dem Jahre 1720.

In der Abteilung lagern auch über 300 historische Landkarten und 1000 Städteansichten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Karten aus dem heutigen NRW, doch es gibt auch Städteansichten z.B. von Venedig oder New Amsterdam (New York).

In den 1920er Jahren wurde in der Stadt- und Landesbibliothek die wohl größte Sammlung von Autographen (eigenhändigen Niederschriften) deutscher Literaten angelegt. Davon zeugen heute eigenhändige Schriften und Briefe u.a. von Gerhart Hauptmann. Thomas Mann, Karl Marx oder Rainer Maria Rilke.

Die Sammlung kann nach telefonischer Terminabsprache eingesehen werden kann.

„Kaum hatte Piktor das Paradies betreten, so stand er vor einem Baum, der zugleich Mann und Frau. Piktor grüßte den Baum mit Ehrfurcht und fragte: „Bist du der Baum des Lebens?“ Als aber statt des Baumes die Schlange ihm Antwort geben wollte, wandte er sich ab und ging weiter.

Er war ganz Auge, alles gefiel ihm so sehr. Deutlich spürte er, dass er in der Heimat und am Quell des Lebens sei. Und wieder sah er einen Baum, der war zugleich Sonne und Mond. Sprach Piktor: „Bist du der Baum des Lebens?“ Die Sonne nickte und lachte, der Mond nickte und lächelte.“

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