Sonntag, 18. September 2016

Oper: Lange Ovationen nach "Faust"-Premiere

Szene aus Charles Gounods "Faust (Margarethe)"
Foto: Jauk / Stage Pictures
Für seine Dortmund-Version von Charles Gounods „Faust (Margarethe)“ hat Regisseur John Fulljames gleich zu Beginn eine witzige Idee. Méphistophélès erscheint dem hadernden alten Faust ausgerechnet als Krankenschwester, die ihm zuvor noch den Tropf kontrolliert hat. Premiere war am Samstag im nur zu zwei Dritteln gefüllten Opernhaus.



Allen Opernfreunden, die an diesem Abend möglicherweise die Attraktionen der Museumsnacht vorgezogen haben, seien hiermit die weiteren Termine ans Herz gelegt. Dieser Drei-Stunden-Abend bietet sowohl gesanglich – allen voran Karl-Heinz Lehner als Méphistophélès, 
Lucian Krasznec als junger Faust und Eleonore Marguerre als Marguerite – als auch musikalisch Genuss. Den Dortmunder Philharmonikern gelingt es unter Leitung von Motonori Kobayashi bestens, die süffige und eingängige Musik dieser gut 150 Jahre alten Oper mit ihren gelegentlichen Walzern aus dem Orchestergraben zu bringen.

Die Bühne (Magdalena Gut) verstärkt gut die Gemütslagen der Akteure: Zu Anfang ist sie eine abweisende mit kaltem Neonlicht beschienene Betonhöhle. Das passt zur düsteren Stimmung des alten und kranken Dr. Faust, der mit dem Leben abschließen will. Erst als mit der jungen und schönen Marguerite wieder Hoffnung, Liebe und Lust in sein Leben kommen, senkt sich ein umgedrehter Baum vom Bühnenhimmel durch ein riesiges Loch im Beton. Eine gelungene Symbolik. Konsequenterweise verschwindet der Baum später wieder, als die Geschichte ihre bekannte traurige Wendung nimmt. Jetzt liegen nur noch einzelne Äste als Erinnerung für längst vergangenes Glück auf der Bühne.

Eine Besonderheit dieser Faust-Interpretation ist, dass der alte Faust während der gesamten Spieldauer auf der Bühne bleibt. Eine mögliche Deutung: Seine Verwandlung in einen jungen Mann findet lediglich in seiner Phantasie statt, bleibt eine Art Traum.

Indem Fulljames das feiernde und tanzende Volk mit fratzenhaften Masken ausstattet (Kostüme: Julia Kornacka), streut er ein wenig Gesellschaftskritik ein. Es ist eine Gesellschaft mit Doppelmoral, die zwar selbst gerne feiert und dem schnellen Sex nachjagt, dann aber Marguerite aufs Schärfste verdammt, als sie ungewollt schwanger wird.

Das kitschige Ende mit seiner Hinwendung zum Chor der Engel und zu Gott lässt sich heute sicherlich vor allem aus kulturgeschichtlicher Sicht genießen. Gleiches gilt für das überkommene Frauen- und Gesellschaftsbild, das dieser alte Stoff transportiert.


Am Ende gab's lange Ovationen im Stehen.

Andreas Schröter

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