Montag, 26. September 2016

Schrill, trashig und rundum gelungen: "Kasimir und Karoline" im Megastore

Szene aus "Kasimir und Karoline"
Foto: Hupfeld
Schrill, bunt, rasant und herrlich trashig, ohne dabei die tiefgründige Aussage zu verlieren – dieser Spagat gelingt Regisseur Gordon Kämmerer mit seiner Inszenierung von Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ für das Schauspiel Dortmund am Megastore.

Die Akteure sind allesamt mit grotesk hohen Turmfrisuren (die Leningrad Cowboys lassen grüßen) neonfarbenen Outfits und gefährlich hoch aussehenden Plateauschuhen ausgestattet.


Hinzu kommt ein satter Disko-Soundtrack (Max Thommes) mit vielen Beats, der einem Oktoberfest würdig ist und der die Zuschauer immer wieder zum Mitwippen anregt. Fast fühlt man sich selbst wie auf der Kirmes.

Und auf der, beziehungsweise auf dem Münchner Oktoberfest, spielt schließlich die Handlung des Stücks von 1932: Das junge Paar Kasimir (Ekkehard Freye) und Karoline (Julia Schubert) – beide stammen aus einfachen Verhältnissen – gehen dorthin. Kasimir hat nicht so recht Lust, weil er am Tag zuvor seinen Job als Chauffeur verloren hat. Doch Karoline will sich um jeden Preis amüsieren. Es kommt zum Streit und die beiden trennen sich. Karoline gerät an einige Herren (unter anderem Frank Genser), die sie für ein bisschen Sex ausnutzen und dann fallen lassen. Kasimir schließt sich einem Kleinkriminellen-Paar an.

Die traurige Aussage des Stücks fasst Bettina Lieder (als Kriminellen-Braut Erna) in einem wuchtigen, mitreißenden Monolog zusammen: „Wiesnbraut bleibt Wiesnbraut.“ Oder, etwas allgemeiner ausgedrückt: Für die Vertreter der sozial unteren Schichten ist es nicht ganz einfach, ihre Kreise zu verlassen – unter anderem auch, weil die „feinere Gesellschaft“ gar kein Interesse daran hat, sie nach oben kommen zu lassen.

Köstlich ist Carlos Lobo mit Riesenbauch als Kommerzienrat Rauch, der eine missratene Ausfahrt in seinem Cabrio mit Karoline unternimmt – in der Hoffnung auf ein amouröses Abenteuer. Und Christoph Jöde, der bis 2013 zum Dortmunder Ensemble gehörte und jetzt als Gast mitmacht, zeigt einmal mehr sein sprühendes komödiantisches Talent. Man kann gar nicht anders als laut zu lachen, wenn er als Ganove über den Bühnenboden robbt.

Die hallenartigen Ausmaße im Megastore kommen dieser Produktion zugute. So kann Gordon Kämmerer ein riesiges Luft-Festzelt aufbauen, das am Ende symbolträchtig in sich zusammenfällt. Es gibt einige Riesen-Weißwürste, und die Schauspieler können mit kleinen Go-Karts durch die Halle rasen und so eine Achterbahnfahrt simulieren. Es macht ganz einfach Spaß, das alles anzusehen.

Als i-Tüpfelchen hat diesmal nicht der Dortmunder Sprechchor, dafür aber das Fanfarencorps Dortmund-Wickede 1974 seinen skurrilen, aber zum Geschehen passenden Auftritt.

Insgesamt eine rundum gelungene Produktion.

Andreas Schröter


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen