Samstag, 22. Oktober 2016

"Heimliche Helden" im Megastore: Erklärt dieses Stück zum Pflichttermin für alle Bürogemeinschaften!

Sprechchor-Bürogemeinschaft in "Heimliche Helden".
Foto: Hupfeld
Wie stellt man auf der Bühne die Eintönigkeit und Langeweile in deutschen Amtsstuben dar, ohne auch die Zuschauer zu langweilen? Vor dieser schwierigen Frage standen Julia Schubert (mit ihrer ersten Regiearbeit) und ihr Team am Schauspiel Dortmund. Die Antwort ist so einfach wie genial: Man lässt die Zuschauer alle zehn Minuten den Schauplatz wechseln und führt sie mal in dieses, mal in jenes Büro eines fiktiven Finanzamtes.

Das sorgt für Abwechslung und Kurzweil. So geschehen in der Produktion „Heimliche Helden“, die am Freitagabend Teil zwei des großen Premierenabends im Megastore war.

Zu Beginn bekommt jeder Zuschauer – es ist Tag der offenen Tür im Finanzamt – einen Laufzettel mit den Nummern der Stationen, zu denen er sich nach und nach zu begeben hat. Jeder Laufzettel ist anders, sodass sich immer nur wenige Zuschauer – manchmal nur drei oder vier – gleichzeitig an einem Ort befinden. Das schafft eine Nähe zu den Schauspielern, die es in herkömmlichen Produktionen nicht gibt. Am intensivsten ist diese Nähe wohl an Station 7, einem Mini-Van, in dem man mit den Schauspielern Ekkehard Freye und Thorsten Bihegue sitzt. Die beiden erzählen sich verschiedene groteske Geschichten, zum Beispiel darüber, wie jemand mal mit beiden Händen zuerst in einen Kothaufen gefallen ist und wie schlimm das war. Man riecht förmlich den Kot und möchte am liebsten schreiend den klaustrophobischen Van verlassen. Das ist intensiv – und gut.

Ganz hervorragend ist auch Marlena Keil, die wir im engen Badezimmer des Finanzamtes treffen. Sie leidet, weil sie schon von Kindesbeinen das Problem hat, zu viel zu schwitzen. Toll, wie glaubhaft die Schauspielerin das rüberbringt. Für mich der Höhepunkt des Stücks. Wir beobachten, wie sich die im monotonen Büroeinerlei gekleideten Caroline Hanke und Bettina Lieder mit Floskeln über den Tag retten, und wir treffen verschiedene Mitglieder des Dortmunder Sprechchors – und sie erledigen ihre Aufgabe gut –, die sowohl in der Telefonzentrale als auch in einem Großraumbüro mit den immer gleichen stupiden Abläufen befasst sind.

Und sogar in der Mittagspause öden sich die Kollegen nur schweigend an – für die Zuschauer dagegen ist’s lustig. Natürlich ist nicht jede Station gleich gut gelungen. Wenn man mit Schlagerstar Rene Carmen in einem schlecht gelüfteten Raum eine Uralt-Serie im Fernsehen gucken muss, oder wenn einen Frank Genser nur mehr oder weniger vielsagend anschweigt, können auch zehn Minuten verdammt lang werden. Weil es neun Stationen gibt, jeder Zuschauer aber nur sieben davon erlebt, sieht man nicht alles. Man müsste mehrmals in dieses Stück gehen und dann hoffen, dass man die richtigen Nummern zieht.

Am Ende dieses Tags der offenen Tür im Finanzamt gibt’s eine Betriebsfeier, bei der ein langjähriger Mitarbeiter (Uwe Schmieder) verabschiedet wird, Rene Carmen ein paar Schlager-Gassenhauer singt und Matthias Seier Käse-Weintrauben-Spieße herumreicht.

Insgesamt eine äußerst originelle und in weiten Teilen gelungene Produktion, die vermutlich die Atmosphäre in so manchen Amtsstuben auf den Punkt trifft. Man sollte dieses Stück zum Pflichttermin für alle Bürogemeinschaften machen.

Andreas Schröter

www.theaterdo.de



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