Sonntag, 9. Oktober 2016

"Sunset Boulevard" bietet jede Menge zu gucken und zu staunen

Szene aus "Sunset Boulevard" mit Pia Douwes
und Oliver Arno. Foto: Thomas Jauk/Stage Picture
Um mein Fazit vorweg zu nehmen: Selbst wer kein ausgewiesener Musical-Fan ist, findet in „Sunset Boulevard“ so viel zu gucken, hören und staunen, dass sich ein Besuch allemal lohnt. Premiere der Andrew-Lloyd-Webber-Adaption von 1993 des Billy-Wilder-Films von 1950 war am Samstag im fast ausverkauften Dortmunder Opernhaus.


Gil Mehmert, der in Dortmund bereits mit „Jesus Christ Superstar“ einen großen Erfolg feierte, hat das Drama um den alternden Stummfilmstar Norma Desmond in Szene gesetzt. Und er hat in Pia Douwes eine Darstellerin für den Part jener Diva gefunden, die mit Stimme, Alter (52) und Ausstrahlungskraft perfekt zur Rolle passt. Gleiches gilt für den jungen Dandy Joe Gillis (Oliver Arno), Joes Liebelei Betty Schaefer (Wietske van Tongeren) und – natürlich – Kammersänger Hannes Brock, der hier mit dem fast schon ein bisschen gruseligen Butler Max eine für ihn ungewöhnliche Rolle spielt. Im Programmheft bezeichnet er sie selbst als „grandiose Statistenrolle“, weil er dauernd Sachen herumtragen und Getränke servieren muss. Aber selbstverständlich hat er nebenbei auch noch genügend Gelegenheit zu zeigen, was für ein hervorragender Sänger er ist.

Kurz zum Inhalt: Der mittellose Drehbuchschreiber Joe landet auf der Flucht vor seinen Gläubigern in der heruntergekommenen Villa der vergessenen Stummfilmdiva Norma und ihrem Butler Max, der in Wahrheit viel mehr ist als nur ein Diener. Die beiden sehen in Joe eine Chance, Norma wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Doch als sich Joe von ihnen abwendet, weil er sich nach dem pulsierenden Leben seiner alten Freunde sehnt, erschießt Norma Joe. Damit ist auch gar nicht zu viel verraten, weil der Mord bereits im Vorspann vorkommt, sodass alles Folgende einen Rückblick darstellt.

Mit Bühne, Kostümen (beides Heike Meixner) und Lichtstimmungen (Stefan Schmidt) gelingt es Gil Mehmert und seinem Team hervorragend, den Gegensatz der beiden Welten, die an Joe Gillis zehren, darzustellen. Hier die passend zum Stummfilm in Schwarz-Weiß und gedeckten Farben gehaltene düstere, fast gruftartige Villa Normas, dort die farbenfrohe und pure Lebenslust. Ein Sonderlob gebührt der Kostümabteilung des Theaters Dortmund, die für Norma wahrhaft grandiose Kleider angefertigt hat, die an die Stummfilmzeit erinnern.

Witziges Detail nebenbei ist, wie eine Autoverfolgungsjagd auf der Bühne dargestellt wird: Zwei Stangen mit je zwei daran montierten Lampen und ganz viel Nebel lassen es so aussehen, als rasten zwei Autos durch die Nacht. Auch sonst bietet die Inszenierung viel Abwechslung: Wir beobachten – um nur einige Beispiele zu nennen – den berühmten Monumentalfilm-Regisseur Cecil B. deMille (Hans Werner Bramer) bei der Arbeit, erleben einen Stummfilmabend in Normas Villa, wohnen der Beerdigung eines Schimpansen bei und sehen, wie schnell auf der Bühne ein Auto zusammengesetzt wird.

(Ergreifender) Höhepunkt ist das Ende, wenn die geistig mittlerweile völlig verwirrte Norma doch noch vor den Kameras stehen darf und vermeintlich zum großen Film zurückkehrt. In Wahrheit sind es aber nur die Reporter, die über den Mord berichten wollen.

Musikalisch bietet dieses Musical womöglich nicht ganz so viele Ohrwürmer wie etwa „Starlight-Express“, „Phantom der Oper“ oder andere Musicals, auch wenn der Titelsong „Sunset Boulevard“ oder „Träume aus Licht“ durchaus in Erinnerung bleiben. Dieses Manko, wenn es denn eines ist, heben die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Ingo Martin Stadtmüller auf, die einen satten sinfonischen Klang aus dem Orchestergraben zaubern, der ganz einfach Freude macht.

Am Ende sprang das Publikum fast geschlossen auf, um dem Ensemble minutenlang den verdienten Applaus im Stehen zu spenden.

Andreas Schröter


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