Sonntag, 18. Dezember 2016

Schauspiel im Megastore: „Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk“ ist ein gelungener Beitrag zur aktuellen Situation

Marlena Keil und Ekkehard Freye in
"Furcht und Hoffnung in Deutschland:
Ich bin das Volk" Foto: Hupfeld
„Furcht“, Teil 2: Nach der Premiere des Brecht-Stücks „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ folgte am Schauspiel Dortmund im Megastore eine Woche später „Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk“ von Franz-Xaver Kroetz. Und es ist eine schöne Idee, beide Stücke gleichzeitig zu zeigen, denn sie haben sowohl formal als auch inhaltlich jede Menge gemeinsam. Beide Stücke thematisieren die Befindlichkeiten der Menschen in Deutschland, beide bedienen sich der Collage-Technik – Kroetz hat 1983 die Machart des berühmten Brecht-Werkes kopiert, wie schon der ähnlich klingende Titel nahelegt.

Größter Unterschied ist der Bezug zur Gegenwart: Während der bei Brecht nach über 80 Jahren doch etwas bemüht wirkt – wir leben nun mal heute nicht in einer Schreckens-Diktatur wie in den 30er-Jahren – ist das Kroetz-Stück geradezu topaktuell, obwohl es ebenfalls schon mehrere Jahrzehnte alt ist.

Regisseurin Wiebke Rüter hat bei „Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk“ einige geschickte Eingriffe vorgenommen. Zum einen hat sie den Kroetz-Stoff aus den 80ern mit einem späteren Werk desselben Autors aus den 90er-Jahren verknüpft – „Ich bin das Volk“ –, zum anderen hat sie die einzelnen Szenen enger miteinander verbunden, als es in der Vorlage der Fall ist, ihnen eine lose Rahmenhandlung verpasst und so eine erzählerische Kontinuität geschaffen, die im Original nicht vorhanden ist und die sich positiv auf den Abend auswirkt.

Drei Schauspieler – Julia Schubert, Marlena Keil und Ekkehard Freye – schlüpfen in unterschiedliche Rollen. Wir sehen eine Dokumentarfilmerin, und das ist die Rahmenhandlung, die den Auftrag erhält, einen Film über das Arbeitslosenmilieu zu drehen. Sie trifft Willi, der Klopfzeichen hört und immer wunderlicher in seiner Einsamkeit wird, und seine arbeitende Frau Martha. Wir sehen einen Politiker, der auch vor Verfassungsänderungen nicht zurückschreckt, um sich dem vermeintlichen Volkswillen anzupassen. Wir sehen eine Konferenz in einer Nachrichtenredaktion von irgendeinem Medium, in der die Frage auftaucht, ob man überhaupt noch über rechtsradikale Brandanschläge auf Flüchtlingsheime berichten soll. Wir sehen eine Frau nach einem amourösen Abenteuer mit einem Migranten, die allerlei ausländerfeindliches Zeug redet, das uns sehr bekannt vorkommt, wir sehen eine Wohnungsbesichtigung, bei der die Vermieterin betont, dass im Haus keine Ausländer wohnen. Aber ob dort (deutsche) Verbrecher oder Kinderschänder wohnen, ist für sie weniger wichtig.

Es ist kaum zu glauben, dass dieser Stoff aus den 80er-, beziehungsweise 90er-Jahren stammt. Er beschreibt eins zu eins die Situation in Deutschland in den Jahren 2015/16. Bei dem von Ekkehard Freye verkörperten Politiker denkt man unweigerlich an die AfD und vielleicht sogar ein bisschen an Innenminister de Maiziere und seinen aktuellen Beschluss, Afghanen auszuweisen. Das Arbeitslosen-Paar verkörpert jenes rechtspopulistische Gedankengut, das aus Unsicherheit, fehlender Wertschätzung und dem subjektiven Eindruck, unverschuldet zu kurz gekommen zu sein, heute wie eine ekelige Brühe aus den Gullys steigt und sich an Pegida-Demonstrationen beteiligt.

Bei aller – erschreckender – politischer Aktualität ist „Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk“ aber ganz und gar kein dröger Oberlehrer-Abend. Wiebke Rüter bedient sich der am Schauspiel oft verwendeten Video-Technik und kann auf diese Weise – vor allem in den Szenen mit dem Arbeitslosen-Paar – die Akteure viel näher zeigen, als das auf einer Schauspiel-Bühne sonst möglich wäre. Das schafft Intensität. Durch die raschen Szenen-Wechsel kommt einem das Stück viel kürzer vor als die 90 Minuten, die es tatsächlich dauert. Marlena Kein, Julia Schubert und Ekkehard Freye liefern einmal mehr eine schauspielerische Top-Leistung ab, die bei diesem Stück vor allem darin besteht, schnell die Rollen zu wechseln. Insgesamt ein gelungener und wichtiger Beitrag zur aktuellen Situation in Deutschland. Schön, dass sich das Schauspiel Dortmund immer wieder solchen Themen annimmt.

Andreas Schröter

www.theaterdo.de

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