Freitag, 6. Januar 2017

Aufrüttelnde Weltraumexpedition - Geierabend startet 26. Session auf Zeche Zollern

Franziska Mense-Moritz hat Bandscheibe
Foto: StandOut
Von Nadine Albach

Im Jahr 2016 konnte man immer wieder den Eindruck gewinnen, irgendwie auf der falschen Welt gelandet zu sein: Naheliegend also, dass sich der Geierabend auf Zeche Zollern 2017 das Motto „Planet Pott“ gegeben hat. Während man den Titel auch als Fluchtbewegung in die Unterhaltung verstehen könnte, geben sich die Geier diesmal aber so politisch geschärft wie selten zuvor.

An Vorlagen dürfte es den Alternativ-Karnevalisten vom Geierabend nicht gemangelt haben – so unfassbar war die weltpolitische Nachrichtenlage im letzten Jahr. Trotzdem muss die Vorlagenschwemme auch erst einmal umgesetzt werden. Und das hat die Crew aus Kabarettisten, Komödianten und Musikern mit spürbarem Willen zum Politischen getan. Der Geierabend wäre aber nicht er selbst, wenn es dabei nicht trotzdem auch schräg, laut und gaga zugehen würde.

Trump vergrätzt die Freiheit

Zum Beispiel, wenn Martin F. Risse in seiner Paraderolle als Joachim Schlendersack gemeinsam mit den Landfrauen eine persische Familie im schönen Schnöttentropp begrüßt – mitsamt Kühen im Kamelkostüm und einem fliegenden Teppich, in den „ochinal persische Motive“ eingewebt sind, „die Cheops-Pyramide und so“… In der besten Nummer des Abends wird sogar das Symbol der Freiheit schlechthin, Miss Liberty, von Trump aus Amerika vertrieben: Wie Sandra Schmitz mit Weinbrand-Flasche in der Hand zunehmend lallender durch Europa irrt und auch in Frankreich, Polen und schließlich in Leipzig keine Zuflucht findet, ist so auf den Punkt, dass einem vor Lachen die Luft wegbleibt.

Klare Kante

Letzteres bleibt im Halse stecken, als sich die Geier den IS vorknöpfen: Sandra Schmitz und Franziska Mense-Moritz, amputiert und verwundet, wollen „ihren“ Malte in Syrien besuchen – nur dass der als frisch gebackener Islamist nicht mehr an Erbsensuppe mit Einlage, sondern an blutiger Schießerei interessiert ist. So absurd die Grundkonstellation, so konsequent wird sie auf der Bühne zu Ende geführt: Die Nummer ist hart, manchen möglicherweise zu hart – aber sie ist auch mutig. Weil sie sich vehement gegen Denk- und Humorverbote wehrt.

Ein paar Nummern fallen im Gesamtvergleich ab, wie die merkwürdige Begegnung von Schiller und Beethoven, die zu Ehren von Ennepetal in der Kluterthöhle einen neuen Hit schreiben wollen. Und auch der Auftritt der Zwei vonne Südtribüne, sonst ein Garant für Lachsalven, wirkt diesmal merkwürdig inhaltslos.

Scharfzüngig und mutig

Insgesamt aber ist es ein aufrüttelnder Geierabend, und das ist diesmal nicht nur der Verdienst des wie immer scharfzüngigen Steigers (Martin Kaysh). Selbst eine Kultfigur wie die Bandscheibe (Mense-Moritz) gibt einem Alt-Nazi Saures. Trotzdem ist es für die Mischung und Stimmung des Abends gut, dass es auch immer mal wieder mitreißende Musik - dank der exzellenten Band - und Comedy gibt, allen voran Murat Kayi als großartig seinen Schmierbauch vorschiebender Asi-Jugend-Fußballtrainer. Zitat: „Soll ich Dir mal sagen, was Dein Nachteil ist? Dass Du keinen Vorteil hast!“

Die Combo unter der Regie von Günter Rückert und Co-Regisseur Heinz-Peter Lengkeit hat einen starken Abend ersonnen. Er stemmt sich gegen Gleichgültigkeit, gegen ein „Wird schon wieder“ und brüllt: „Wach werden? Ja sicha!“

Der Geierabend läuft bis zum 28. Februar. Weitere Info: www.geierabend.de

(Kurzinformation: Die Autorin schreibt gelegentlich Pressetexte für das Team des Geierabends. Für diesen Artikel wurde sie jedoch nicht bezahlt.)

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