Sonntag, 22. Januar 2017

Blick nach Bochum: "Biedermann und die Brandstifter" hatte Premiere

Von links: Jürgen Hartmann (Brandstifter), Martin Horn
 (Biedermann) und Matthias Eberle (Brandstifter).
 Foto: Schauspielhaus Bochum 
Das Schauspielhaus Bochum hat seit Samstag den Max-Frisch-Klassiker „Biedermann und die Brandstifter“ (Regie: Hasko Weber) auf dem Spielplan – solides Bildungsbürgertheater solide inszeniert, mit solider Schauspielkunst umgesetzt. Aber auch nicht mehr. Am Ende gibt’s im ausverkauften Haus freundlichen, aber nicht stürmischen Applaus.

Bei der Deutung dieses „Lehrstücks ohne Lehre“, wie Frisch selbst sein Werk untertitelt hat, hatten schon die Kritiker in den 50er-Jahren ihre Schwierigkeiten: Ist es eine Warnung vor dem Kommunismus? Vor dem Nationalsozialismus? Oder ist es gänzlich ideologiefrei, wie die Abgrenzung der beiden düsteren Brandstifter ohne Manieren, Schmitz und Eisenring (Jürgen Hartmann und Matthias Eberle), von einem anderen (ideologischen) Brandstifter nahelegt?

Noch schwieriger erscheint die Deutung dieses Stücks, mit dem seit Jahrzehnten Schüler malträtiert werden, in der heutigen Zeit. Weil am Ende ein schwarzer Engel mit Maschinengewehr auftaucht, liegt die Verbindung zum Terrorismus auf der Hand. Wollen Hasko Weber und sein Team den Stoff heute als Warnung verstanden wissen, sich nicht allzu naiv Terroristen und andere Gefährder ins Haus/Land zu holen? Nach dem Fall Anis Amri eine naheliegende, aber auch gefährliche Deutung: Wie schmal wäre der Grat von dort zu einer generellen Kritik an Angela Merkels Flüchtlingspolitik und hin zu den (populistischen und menschenverachtenden) Positionen rechts außen?

Ganz kurz zum Inhalt: Biedermann (Martin Horn) – ein Sinnbild für selbstgefällige, aber naive deutsche Spießigkeit – sieht sich in seinem eigenen Haus plötzlich dem ungehobelten Eindringling Schmitz, der Obdach und Verköstigung verlangt, gegenüber. Schnell kommt Schmitz‘ Kumpel, Eisenring, hinzu. Biedermann und seine Frau Babette (Veronika Nickl) sehen sich außerstande, die beiden ihres Hauses zu verweisen. Obwohl alles darauf hindeutet, dass sie gefährliche Brandstifter sind – und zwar aus purer Lust am Feuer –, redet sich Biedermann ein, dass sie eben das nicht sind, sondern seine Freunde. Es kommt, wie es kommen muss. Das Haus geht in Flammen auf und Biedermann, seine Frau und das Dienstmädchen (Kristina Peters) sterben.

Nach der Pause folgt ein 15-minütiger Nachklapp, um den Frisch sein Stück später ergänzt hat. Noch später hat er das wieder gestrichen. Biedermann und seine Frau schmoren in der Hölle, beteuern aber ihre Unschuld und hoffen auf Rettung. Hier liegt die Deutung auf der Hand: Nicht nur die Brandstifter selbst haben Schuld, sondern auch diejenigen, die ihnen ihr Handeln ermöglichen. Im Bühnenhintergrund verbrennen die Akteure dieser Inszenierung, zu der auch ein allwissender Chor gehört (Daniel Stock, Luana Velis, Klaus Weiss), das deutsche Grundgesetz. Was das bedeuten soll, bleibt unklar.


Im Stück angelegt ist eine Verbindung zu Hugo von Hofmannsthals "Jedermann". Botschaft: Jeder kann zum Biedermann werden. Weber macht das schon zu Beginn des Stücks klar. Er lässt die beiden Brandstifter das Publikum um Feuer bitten. Es dauert keine Minute, und die Brandstifter haben ihr Feuer.

Bühnenbildner Thilo Reuther setzt auf eine Drehbühne mit angedeutetem Dachstuhl, in dem sich die Benzinfässer stapeln und die Zündschnüre bereits gespannt sind, und Biedermann'schem Wohnzimmer. Am Ende gibt's einen Feuerstoß und eine große Schale, in der ebenfalls ein Feuer lodert.

Fazit: Wer auf traditionelles Theater steht, ist hier richtig. Spannender sind momentan jedoch die innovativeren, originelleren, aktuelleren, brisanteren und überraschenderen Inszenierungen in Kay Voges‘ Schauspiel Dortmund.

Andreas Schröter

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