Samstag, 28. Januar 2017

Opernhaus: "Die Blume von Hawaii" als bunter Drahtseilakt

Emily Newton in "Die Blume von Hawaii"
Foto: Theater Dortmund
Eine Paul-Abraham-Operette wie „Die Blume von Hawaii“ heute aufzuführen, ist ein Wagnis und erfordert für die Macher des Musiktheaters im Jahre 2017 einen Drahtseilakt. Denn im Gegensatz zu vielen (deutlich älteren) Werken der Musikgeschichte wirkt dieser Stoff aus den 1920/30er-Jahren mit seinem klischeehaften Exotismus heute doch arg verstaubt. Ziel muss es also sein – wenn man sie denn schon aus der Mottenkiste zerrt –, diese Operette trotzdem irgendwie auch jüngeren Menschen zugänglich zu machen, ohne aber die Älteren, die vielleicht mit dieser Musik groß geworden sind und daran hängen, zu verschrecken.


Mit seiner Inszenierung, die gegenwärtig auf dem Spielplan der Oper Dortmund steht, zeigt Regisseur Thomas Enzinger, wie dieser Drahtseilakt gelingen kann: mit sehr viel Selbstironie und mit einer zweiten Handlungsebene, in der das tragische Leben des Komponisten selbst zum Thema wird. Abraham musste als Jude in den 30er-Jahren Deutschland Richtung USA verlassen. Als er nach dem Krieg zurückkehrte, war er infolge einer Syphilis-Erkrankung verwirrt. Obwohl diese zweite Handlungsebene mit Mark Weigel als einem Paul Abraham, der dem Original verblüffend ähnelt, den Abend auf eine Gesamtlänge von drei Stunden bringt, ist diese Brechung dringend notwendig. Sie hilft dabei, die eigentliche Operette distanzierter und mit mehr Wohlwollen als das Hirngespinst eines versponnenen, aber liebenswerten und außergewöhnlichen Mannes zu betrachten.

Aber auch in der eigentlichen Operette legt Enzinger selbstironische Brechungen an: zum Beispiel über bombastische Kostüme und ein buntes Bühnenbild (farblich ähnlich dem der aktuellen Zauberflöte), das den Kitsch dieses Stoffes mit gold-glitzernder Revue-Treppe und Riesenblumen dermaßen herausstellt, dass es schon wieder lustig ist. In einer Szene macht der Trottel der Handlung, John Buffy (Jens Janke), ganz auf der Höhe der Zeit Selfies mit Selfiestange. Als die herausragende Emily Newton als Prinzessin Laya/Suzanne Provence sich beim Schwips-Lied an der ersten Publikums-Reihe entlanghangelt, hat einer der Zuschauer seinen umjubelten Auftritt. Er steht auf, macht der Sängerin Platz und tanzt im Scheinwerferlicht ein bisschen mit. Und als Prinz Lilo-Taro (im übertrieben glänzenden schwarzen Anzug: Marc Horus) eingeführt wird, geschieht das mit Hilfe von eingeblendeten Bildern, die ihn als muskelbepackten (Frauen-)Traumtypen zeigen.

Kurz zur Handlung: In Honolulu tauchen die rechtmäßigen Herrscher von Hawaii auf, Prinz Lilo-Taro und Prinzessin Laya. Letztere, aufgewachsen in Paris, gibt sich allerdings als Jazzsängerin Suzanne Provence aus, um inkognito ihre Heimat zu besuchen. Sie bändelt auf der Überfahrt mit dem schmucken Kapitän Stone (Fritz Steinbacher) an. Ihr musikalischer Partner Jim Boy (Gaines Hall) beginnt ein Techtelmechtel mit der Hula-Tänzerin Raka. Und dann gibt es noch Sekretär Buffy, der ein Auge auf Bessy geworfen hat …

Die Musik (Leitung: Philipp Armbruster) – von den Dortmunder Philharmonikern spritzig aus dem Orchestergraben gebracht – ist leicht und eingängig. Man könnte sich daran erinnern, bei den Großeltern im überheizten Wohnzimmer bei Obstbowle und Eierlikör zu sitzen, und dann legt Opa eine alte Schellack-Platte auf, die man noch auf 78 Umdrehungen abspielen muss. Mit anderen Worten: Bei dieser mit Jazzelementen durchsetzten Schlagermusik könnte man sich in eine Art Nostalgie und die Erinnerungen an eine untergegangene Zeit hineinträumen. Dass das bei drei Stunden Spieldauer nicht durchgängig funktioniert, leuchtet ein. Manchmal droht der Gedanke „Jetzt reicht es aber“ Überhand zu nehmen.

Dennoch: Die Akteure dieser Inszenierung leisten Großartiges: Sie singen, schauspielern, tanzen und steppen – und das durchgängig auf sehr hohem Niveau. Neben Emily Newton mit ihrer enormen Stimme und Bühnenpräsenz sind hier noch Karen Müller als quirlige Bessie und Verena Barth-Jurca als Inselschönheit Raka hervorzuheben.

Anmerkungen: Das Libretto dieser Operette stammt von Alfred Grünwald, Fritz Löhner-Beda und Emmerich Földes. Henning Hagedorn und Matthias Grimminger haben für eine bühnenpraktische Rekonstruktion der Originalpartitur gesorgt. Dieses Werk ist nicht das erste von Paul Abraham am Dortmunder Musiktheater. Vor zwei Jahren stand "Roxy und ihr Wunderteam" auf dem Spielplan. Die Aufführung am Freitag begann wegen eines Stromausfalls in der Innenstadt mit halbstündiger Verspätung.

Andreas Schröter


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