Samstag, 25. Februar 2017

„Europas neue Alte“: Eine foto-ethnografische Ausstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Ingemar, 73 Jahre, Schweden. Das Motorrad, um Freiheit zu erleben.
© Staatliche Museen zu Berlin,
Museum Europäischer Kulturen / Gabriele Kostas
Von den Lebensbedingungen und dem Lebensalltag älterer Menschen in Europa handelt die foto-ethnografische Ausstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK). Bis zum 16. Juli lernen Besucherinnen und Besucher in der Ausstellungshalle des MKK Menschen im Rentenalter aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, aus dem urbanen sowie ländlichen Raum in ganz Europa kennen. 27 Foto-Essays und Interviews dokumentieren in 147 Fotografien von Gabriele Kostas die Lebensumstände, das Umfeld und den Alltag von 32 Protagonisten aus 13 Ländern. Die Ausstellung der Fotografin Gabriele Kostas und der Kulturanthropologin Dr. Irene Ziehe kommt vom Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin. Eine Ausstellung im Rahmen des Föderalen Programms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Was bedeutet „alt sein“? Was bedeutet „alt sein“ in Europa? Was bedeutet „alt sein“ in unterschiedlichen Ländern und Gesellschaftsschichten, im ländlichen Raum und in der Stadt? Wie sind die Lebensgeschichten, Träume und Visionen? Wo sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten? Diese Fragen stellten sich die Kulturanthropologin Dr. Irene Ziehe und die Fotografin Gabriele Kostas, die Kuratorinnen der Ausstellung.

In Fotografien und Texten zeigen sie die bewegenden Lebensgeschichten und eigenwilligen Wünsche, Pläne und Hoffnungen der Protagonisten: Da ist Leila aus Georgien, die seit 59 Jahren, nunmehr als 84-Jährige, immer noch als Archäologin tätig ist und in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten des politischen Umbruchs der 1990er-Jahre zusätzlich heimlich frühmorgens als Putzfrau arbeitete, um für sich und ihre Kollegen „Luxusgüter“ wie Kaffee und Zucker kaufen zu können. Ihr großes Interesse an Sprachen führte die Französin Nicole in den 1960er-Jahren von Paris nach Ostberlin, wo die ausgebildete Biologin zu ihrer wahren Bestimmung fand: dem Übersetzen literarischer Texte. Der Schwede Ingemar hat sich als Rentner ein Motorrad zugelegt, das ihm, nach einem harten Arbeitsleben mit oft nur einem freien Tag im Jahr, nun als Symbol für Freiheit gilt. Die Lebensgeschichten sind spannend, facettenreich, unterschiedlich; die Fotos sind stark und zeigen hautnah, wie Über-65-Jährige leben.

Die Gespräche mit den Senioren, die die Fotografien ergänzen, zielen nicht (nur) auf Vergangenes, sondern fragen bewusst nach Wünschen, Plänen und Hoffnungen für die Gegenwart und die Zukunft. Unterschiede und Gemeinsamkeiten treten sowohl in den Aufnahmen zutage wie auch in den Interviews. Eines jedoch zeigt sich sehr deutlich: Egal, ob die Porträtierten aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Georgien, Griechenland, Großbritannien, Italien, Portugal, Österreich, Russland, Schweden, Slowenien oder Spanien kommen, die „neuen Alten“ gibt es in allen Teilen Europas, und sie haben viel zu erzählen und noch viel vor.

Die Fotografien zeigen die Protagonisten in ihrem gewohnten Umfeld, bei ihren Aktivitäten, oft bei der Arbeit. Gabriele Kostas begleitete die Menschen über mehrere Tage und in verschiedenen Situationen. Entstanden sind keine klassischen Porträts, sondern Aufnahmen, die ungestellt das Spezifische und Individuelle in den Vordergrund stellen.

Berufstätigkeit im Alter ist kein seltenes Phänomen: Zum einen dient sie der weiteren sozialen Integration, zum anderen gibt es in Europa genügend Regionen, in denen die Rente zur Existenzsicherung nicht ausreicht. Und dann sind da noch die Freiberufler oder Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind – sie arbeiten so lange, wie es die Gesundheit erlaubt.

In den Interviews erzählen die Porträtierten von bedeutungsvollen Dingen in ihrem Leben (z.B. wichtigen Gegenständen), ihrer Wahrnehmung vom Alter, ihren Plänen und Alltäglichkeiten wie der Lieblingskleidung, dem Lieblingsessen oder Reisen. Ihre Aussagen bestätigen die These, wonach die 65- bis 85-Jährigen und sogar die Hochbetagten sich selbst kaum als „alt“ wahrnehmen. Das Altern hat sich verjüngt, die „dritte“ Lebensphase ist keine Zeit des Duldens. Die Fotografien stützen diesen Befund.


Ausstellung zum Mitmachen


Zu jeder Abteilung der Ausstellung gibt es einen von der porträtierten Person ausgefüllten Fragebogen. Er gibt Aufschluss über den Menschen und sein Lebensgefühl. Auch die Besucherinnen und Besucher haben Gelegenheit, den gleichen Fragebogen auszufüllen.

Auch im Rahmenprogramm der Ausstellung werden die Besucher zum Erzählen eingeladen.


Die Fotografin: Gabriele Kostas


Gabriele Kostas (Jg. 1955) studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Geschichte, bevor sie sich als Percussionistin der Musik widmete. Sie wirkte sehr erfolgreich solistisch zwischen Jazz- und klassischer Musik.

Seit etwa 2010 kommt zu ihrer Musikbegeisterung die Faszination der Fotografie hinzu. Als Fotografin hat sie sich bislang vor allem mit Künstlern und ihren Werken auseinandergesetzt. Neben der Teilnahme an Gruppen- und Einzelausstellungen in Deutschland und Italien veröffentlichte sie u. a. „Das Haus der Kempowskis“ (2011) und „A Guide To The Gardens Of Venice", zusammen mit M. Dammicco (2013), sowie eine fotografische Dokumentation von Künstlern und Werken der Ausstellung „Oltre il paesaggio mistico“ für Artlife For The World, anlässlich der Biennale di Venezia 2013.

Mehr über die Künstlerin unter www.gabrielekostas.de.


Begleitprogramm


25. Februar, 12 – 13 Uhr
Kuratorenführung mit Gabriele Kostas und Dr. Irene Ziehe
3 Euro zzgl. Eintritt (6 Euro, ermäßigt 3 Euro)

5. März, 11 – 12.30 Uhr
Öffentliche Führung durch die Ausstellung
3 Euro zzgl. Eintritt (6 Euro, ermäßigt 3 Euro)

30. März / 8. Juni, ab 18 Uhr
Urban Sketching - Zeichnen in der Ausstellung mit Guido Wessel und den Dortmunder Urban Sketchers. Das Material wird nicht gestellt. Nähere Infos dazu: (0231) 4961164 oder info@artusdesign.de

Es folgen weitere Angebote im Begleitprogramm. Infos unter (0231) 50-2 60 28 oder info.mkkstadtdo.de.

www.mkk.dortmund.de

www.facebook.com/mkkdortmund

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