Sonntag, 9. April 2017

Schauspiel im Megastore: "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" ist ein intensiver und großartiger Abend

Szene aus "Die Wiedervereingung der beiden Koreas"
Foto: Hupfeld
Das Schauspiel Dortmund boomt weiter. Vor der Premiere von „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ am Samstagabend im Megastore saß eine Frau in der Nähe des Empfangstresens mit einem Pappschild auf dem Schoß: „Suche eine Karte“. Sowas sieht man sonst in Dortmund nur beim BVB. Okay, der Vergleich hinkt – eines der Probleme am Megastore in Hörde ist sicherlich auch seine begrenzte Zuschauerkapazität. Aber dennoch …

Und die Schauspieler zahlen dieses große Interesse mit tollen Leistungen zurück. „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ von Joël Pommerat unter der Regie von Paolo Magelli ist sogar ein echter Höhepunkt in dieser Spielzeit – ein großartiger Abend, bei dem das Ensemble mal wieder so richtig Gas geben kann. Und das tut es. Auf einer doppelstöckigen Bühne (Christoph Ernst), die zu Beginn österlich passend an das letzte Abendmahl von Jesus und seinen Jüngern erinnert, stürzen sich die Akteure mit Haut und Haaren und Karacho in ihre Rollen. Sie haben keine Scheu vor kompletter Nacktheit und scheinen sogar immun gegen Schmerzen jedweder Art zu sein. Beim tosenden Schlussapplaus sieht man, dass Merle Wasmuths Beine grün und blau sind.

Anders als der Titel es vermuten lässt, hat dieses Stück nichts mit Politik zu tun. Collagenmäßig geht’s vielmehr um die Liebe und die Schwierigkeiten mit ihr – vielleicht so, um den Bezug zum Titel herzustellen: Die Liebe zwischen zwei Menschen ist so unmöglich wie die Wiedervereinigung der beiden Koreas. Um nur einige Szenen zu nennen: Da gibt’s einen Mann (Sebastian Kuschmann), der sich ausgerechnet auf seiner Hochzeit vor ein Familientribunal gestellt sieht – weil er außer zur Braut (Julia Schubert) auch zu sämtlichen anderen vier weiblichen Familienmitgliedern (Merle Wasmuth, Friederike Tiefenbacher, Caroline Hanke und Marlena Keil) Beziehungen hatte. Da gibt’s ein Paar (Frank Genser und Friederike Tiefenbacher), das sich einen Babysitter bestellt, obwohl es gar keine Kinder hat, und den Babysitter anschließend mit schwersten Vorwürfen überzieht, als die Kinder nicht da sind. Da gibt’s eine Frau, die sich danach sehnt, dass sich ihr Chef (Uwe Schmieder) in der Nacht zuvor an ihr vergangen hat. Es bleibt offen, ob er’s getan hat oder nicht. Und wie genau war eigentlich die Beziehung von einem Lehrer (das künftige Ensemblemitglied Christian Freund) zu einem Schüler auf der Klassenfahrt? Erwähnenswert ist auch die demente Frau (Carolina Hanke), die ihren Ehemann (Ekkehard Freye) jeden Tag aufs Neue kennenlernt. Die Szenen spielen oft mit Klischees und Erwartungshaltungen. Sie entwickeln sich nicht so, wie man es erwarten würde. Und das ist gut.

Wie gesagt: Man kann den Einsatz, die Hingabe und die Leistung des Ensembles in diesem Stück – auch in ihrer Vielseitigkeit – gar nicht hoch genug herausstellen. Außerdem ist „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ein Abend, der trotz seiner Länge von über zwei Stunden wegen seiner vielen intensiven und kurzen Szenen niemals auch nur einen Hauch von langweilig wird. Jeder, der die Chance hat, dafür irgendwie an eine Karte zu kommen, sollte sie nutzen.

www.theaterdo.de

Andreas Schröter










Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen