Freitag, 30. Juni 2017

Schaufensterausstellung im Museum Ostwall zeigt Werke von Tina Tonagel

Tina Tonagel mit ihrer Arbeit "Andere Monde"
Foto: Katrin Pinetzki
„Andere Monde“ heißt die neue Ausstellung im Museum Ostwall im Dortmunder U: In der 19. Schaufensterausstellung zeigt die Kölner Medienkünstlerin Tina Tonagel (Jahrgang 1973) bewegte und klingende Arbeiten.

Tina Tonagel arbeitet mit Klang, verschiedenen Projektionstechniken sowie mit elektromechanischen Apparaturen, die sie für poetische Interventionen im Raum nutzt. So auch im MO Schaufenster # 19, in dem das spezifisch für den Raum entwickelte Arrangement aus neuen und bestehenden Arbeiten ein poetisches Gesamterlebnis entstehen lässt.

Kästchen, die sich auf und ab bewegen, selbstspielende Triangeln, tanzende Muffin-Förmchen und subtile Projektionen ziehen den Blick und das Gehör des Betrachters im Schaufenster # 19 auf sich und wecken gleichzeitig seine Neugier: Was passiert hier? Und vor allem: wie? Mit ihren motorisierten Installationen aus alltäglichen Materialien spielt die Künstlerin mit der Erwartung des Betrachters. Ihre Arbeiten geben ein Rätsel auf, das man nur bei genauem Hinsehen oder -hören lösen kann.

In einer der Wandarbeiten mit dem Titel Sisyphos, zum Glück, gleitet beispielsweise langsam und unermüdlich eines von vier Kästchen wie von Geisterhand auf und ab – gleich der mythologischen Figur, die zur Strafe einen Felsblock auf ewig einen Berg hinaufwälzen muss, der, fast am Gipfel, jedes Mal wieder ins Tal rollt. Neben der humorvollen und spielerischen Seite der Arbeiten untersucht Sisyphos, zum Glück auch das Ursache-Wirkungs-Prinzip: Was passiert wodurch? Anstatt die archaisch wirkende Mechanik dezent zu verstecken, macht Tina Tonagel die technische Funktionsweise zu einem Teil ihrer bewegten Arbeit – auf einem grob abgerissenen Stück Platte ist eine Replik des Motors aufgebracht. Fein ausgetüftelte Details stehen hier im Kontrast zu grober Funktionalität.

Die zweiteilige Arbeit Andere Monde strahlt poetische Leichtigkeit und Zartheit aus. Auf schweren, weiß lackierten Spanplatten sind verschieden große weiße Muffin-Förmchen aus Papier angebracht, die auf kleinen Motoren sitzen und sich im Kreis drehen. Darunter erstrecken sich über beide Tafeln organisch anmutende geometrische Formen. Diese erinnern an eine Art silberne und kupferfarbene Stadtlandschaft oder Gewächse. Der poetischen Zartheit der Arbeit sieht man nicht an, dass das Werk auf einer ausgeklügelten elektronischen Steuerung basiert. Allein ein paar blinkende LEDs lassen erahnen, dass die Kupferbahnzeichnung tatsächlich Strom führt und über die Ästhetik hinaus auch noch einem konkreten Schaltplan folgt. Die Schauseite legt bereits die komplette Elektronik der Arbeit offen – lediglich einige Kabel sind auf der Rückseite verstaut und verbinden die Motoren mit der Schaltung.

Die Komposition für selbstspielende Triangeln ist in ihrem Minimalismus sowohl schön anzusehen als auch für die Ohren ein Erlebnis. Die Triangeln in sechs verschiedenen Größen werden über elektronische Impulse von kleinen Hubmagneten angespielt. Die polyphone Komposition für diese Klanginstallation hat Tina Tonagel eigens für diese Arbeit komponiert. Auch bei dieser Arbeit liegen die Schönheit und der kontemplative Charakter in der formalen, ästhetischen Klarheit.

Tina Tonagel ist eine Tüftlerin. Sie verbindet, lötet, verkabelt und programmiert ihre Arbeiten selbst. Sobald sie eine Idee für eine bewegte Arbeit hat, experimentiert und testet sie, auf welchem Weg diese sich am besten umsetzen lässt. Dabei beschränkt sie sich meist nicht darauf, ästhetisch anmutende, sich bewegende Apparaturen oder Projektionen zu zeigen. Vielmehr macht sie die raue Maschinenästhetik und die technische Funktionsweise sichtbar. Sie sind gleichwertiger Teil der kinetischen Installationen.

Die „Enträtselung“ der analogen Elektromechanik, ihre Nachvollziehbarkeit ist Tina Tonagel wichtig. Sie steht als Gegenentwurf zur digitalen „versteckten Technik“ – die Besucher können durch das Sichtbarmachen des Mechanismus an den Arbeiten teilhaben, ihnen visuell auf den Grund gehen. Durch ihre Arbeiten schärft die Künstlerin im Schaufenster # 19 den Blick und die Wahrnehmung des Betrachters.

Tina Tonagel erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u.a. das Stipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn (2011), die Nachwuchsförderung der Kunststiftung NRW (2011), das Stipendium des Landes NRW für Medienkünstlerinnen (2010) und den Marler Video-Installations-Preis (2008).

Kuratorin der Ausstellung ist Karoline Sieg, wissenschaftliche Volontärin des Museums Ostwall.

Die Künstlerin


1973 geboren in Lemgo

1993/94 halbjähriges Praktikum beim Steinbildhauer, Lübbecke

1995-1999 Studium Kunst und Musik auf Lehramt, Universität Bielefeld

1999-2004 Studium Medienkunst an der Kunsthochschule für Medien Köln

2004 Abschluss an der Kunsthochschule für Medien Köln bei Valie Export

zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in ganz Europa, u.a. Marta Herford, Kunstmuseum Bochum, Haus der Kulturen Berlin, Galerie Phoebus Rotterdam oder Media Art Flow Festival Almelo .

Tina Tonagel lebt und arbeitet in Köln.

Mehr zur Künstlerin: www.tinatonagel.de


Begleitprogramm zur Ausstellung


Samstag, 22. Juli 2017, 16.00 – 20.00 Uhr

Kostenloser Workshop „Elektronische Murmelhäuschen“ beim „Sommer am U“ mit Tina Tonagel und Christian Faubel auf dem Vorplatz des Dortmunder U (Leonie-Reygers-Terrasse).

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