Donnerstag, 17. August 2017

Dortmunder U: Sommerinterview mit Edwin Jacobs

Edwin Jacobs im Interview
Bild: Dortmund-Agentur / Roland Gorecki
Anja Kador und Gaye Suse Kromer von der Dortmund-Agentur haben ein großes Sommerinterview mit dem U-Chef Edwin Jacobs geführt, das wir hier wiedergeben:

Wie viele Generationen haben diesen Pink Floyd Song bei ihrem Schulabschluss geschmettert – und tun es immer noch? Pink Floyd: Selbst für weniger begeisterte Musikenthusiasten muss die britische Band kaum vorgestellt werden: Sie haben im Laufe ihrer 50-jährigen Musikgeschichte nicht nur in musikalischer, sondern auch in visueller Hinsicht Maßstäbe gesetzt. Allein ihre spektakuläre The Wall Show katapultierte sie in den Olymp der Künste. Die war übrigens 1981 auch in der Westfalenhalle 1 zu erleben gewesen.


U-Direktor Edwin Jacobs ist ein großartiger Coup gelungen: Neben London und Rom ist Dortmund einzige europäische Stadt, die die sensationelle Ausstellung "The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains" der Musikgiganten ab Frühjahr 2018 zeigt. Dabei hat der Kunstwissenschaftler und Pädagoge offiziell erst im Januar 2017 frisch seinen Posten in Dortmund angetreten. Zuvor arbeitete der gebürtige Niederländer unter anderem als Generaldirektor im Utrechter Centraal Museum, kuratierte diverse Ausstellung und engagierte sich in mehreren internationalen Forschungsprojekten.

Seinem guten Ruf entsprechend – Jacobs gilt als Museumsreformer und fleißiger Netzwerker in Kunst und Kultur – gestaltet sich mit der Pink-Floyd-Ausstellung sein Auftakt in Dortmund spektakulär. Die Dortmund-Redaktion sprach mit Jacobs über das Prinzip der Partizipation, seinen Begriff von Kunst und Pläne für die Zukunft des U.

Sie beschäftigen sich zurzeit mit drei Themen: Haus und Organisation, Personal und Organisation, Sammlung und Depot.


Jacobs: Warum die drei Themen? Es gibt ein Gebäude, das es zu organisieren gilt, da sind verschiedene Partner in diesem Haus – und zum dritten haben wir Depots und Sammlungen. Das alles war ursprünglich in einer Gestaltung miteinander geplant.

Wir befinden uns jetzt an einem Nullpunkt: Der Nullpunkt ist ein Ausgangspunkt, an dem man etwas erstmal betrachtet und nicht darüber urteilt oder verurteilt, sondern wir fragen uns objektiv: An welcher Stelle stehen wir? Das ist natürlich nicht so einfach, weil es immer auch eigene Emotionen gibt. Aber das Positive ist, wenn man an einem Nullpunkt beginnt, kann man verschiedene Leute bitten, ihre Eindrücke und Meinungen zu den Themenbereichen zu äußern. Dadurch bekomme ich ein immer deutlicheres Bild von den Dingen.

Das heißt: Verschiedene Menschen aus verschiedenen Bereichen sammeln ihre Meinungen und Eindrücke?

Jacobs: Ja. Ein Beispiel aus dem Bereich Haus und Organisation: Die Ebene der UZWEI, unserem Zentrum für kulturelle Bildung, fasziniert und beschäftigt mich sehr. Hier findet man eine gute Mischung aus jungen und alten Leute, Amateure und Profis. Angedockt sind Schulen, Kitas, junge Eltern, Familien usw. Ich habe mich gefragt, ob das ein Konzept für die Zukunft sein könnte, etwas das im gesamten U stattfindet und nicht nur auf einer Ebene. Eine durchlaufende Aktivität sozusagen.

Und dann hatte ich die Idee, Partizipation könnte die Methode sein, ein Konzept weiterzuentwickeln, in dem alle Bildungsaktivitäten, Erziehungsaktivitäten, pädagogische Aktivitäten zusammenkommen und sich wie eine Aktivität weiterentwickeln.

Was meinen Sie mit Partizipation?

Jacobs: Wenn wir über mehr Partizipation nachdenken gibt es für mich einen Kernbegriff für die kommenden Jahre: ÖFFNEN. Damit meine ich, eine Öffnung des Gebäudes, sich zueinander öffnen, sich den Partnern gegenüber öffnen, sich in die Stadt öffnen. Ich habe mit Kolleginnen und Kollegen gesprochen, was das konkret bedeuten könnte. So hat eine Kollegin gesagt: Das U soll sich für mich öffnen. Damit hat sie ihr eigenes politisches Ziel formuliert. Das ist Partizipation.

Und so geht es dann weiter: Was tust Du für die Öffnung persönlich? Was machst Du selbst? Bist Du präsent? Wo fehlt das Lächeln? Aber auch: Was möchtest Du nicht? Wenn man sich wirklich öffnet, dann ist das etwas, das man gerne möchte. Bedingungslos.

Das war der erste Erfolg eines Brainstormings. Es gab eine sehr kräftige Diskussion. Danach haben wir die Ergebnisse geordnet. Jetzt hat die Truppe die Aufgabe, zu priorisieren: Was findest Du am wichtigsten? Was muss unbedingt weiterverfolgt werden? Was wird dein Vorschlag sein? Nicht nur eine Idee, sondern ein Vorschlag. Was jetzt passiert, das finde ich sehr schön: Jeder bringt seine eigene Stimme mit.

Ich finde es wichtig, ein persönliches Bewusstsein darüber zu haben, was man sagt und was man tut. Was wir im Team machen, ist nicht top-down. Es ist bottom-up. Es ist eine Suche nach dem Weg mit dem Ziel, die Ergebnisse in eine Form, in ein Programm, in konkrete Aktivitäten umzusetzen.

Wie binden Sie Externe ein?

Jacobs: Das machen wir über eine Soundboard-Gruppe. Hierbei geht es um den Museumsbereich, konkret die Ebenen 4 und 5, die ganz neu gestaltet werden sollen. Der Museumsbereich ist sehr abgegrenzt und klein. Dieser Bereich muss sich auch öffnen, damit der Museumsbesucher das Gefühl hat, da gehe ich gerne hin.

Sie meinen die Räume, die Architektur?

Jacobs: Genau, die Räume öffnen. Wir hatten eine Soundboard-Gruppe mit 15 verschiedenen Leuten: Junge, Alte, Kunst-Profis oder auch nicht, ein Autohändler – alle beieinander – und dann haben wir über Bilder, über Titel, über Assoziationen, über Emotionen geredet.

Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was man in einem Museum erwartet. Wie kann man mit Kunst eine Geschichte erzählen und nicht Objekte einfach so ausstellen?

Es gibt eine breite Sammlung von Kunst und Artefakten. Wir suchen nach Wegen, diese anders zu präsentieren. Das was wir erarbeitet haben, sind die ersten Schritte nach dem Nullpunkt. Im Herbst wird das Konzept fertig sein. Auch wird es eine neue Ausstellung mit der Sammlung geben. Insgesamt werden wir mit der Sammlung dynamischer arbeiten und jedes Jahr die Kunstwerke wechseln. In Frühjahr 2018 ist das Thema "Kohle" der Ausgangspunkt, am Herbstanfang wird Jonathan Meese die Präsentation komponieren.

Wie stellen Sie eine Soundboard-Gruppe zusammen?

Jacobs: Ganz einfach: Ich sehe jemanden und frage ihn, ob er Lust hat, mitzumachen. "Kennst du jemanden, ok, dann bring ihn mit." So bekommt man in zwei, drei Tagen zwölf Leute und den Leute vom ersten Mal habe ich gesagt "Bitte schicke zwölf Leute" und die haben zwölf Leute geschickt. So wächst in zwei, drei Jahren eine Gruppe. Und die Gruppe ist sehr engagiert. Warum? Die sind dabei, es macht Spaß, man entdeckt einander.

Was hat Sie gereizt zum U zu kommen? Es hat den Anschein, als sähen Sie das U als eine rohe Goldmasse, die Sie mit anderen gerne formen möchten.

Jacobs: Ich hatte das U in 2010 besucht. Utrecht war damals eine der anderen Städte in Holland, die als Kulturhauptstadt nominiert waren. Dabei habe ich entdeckt, wie stark die Mischung ist beim U-Turm, den man renoviert und neu gestaltet hat. Die gleichzeitig durchlaufenden Programme auf den verschiedenen Etagen, die Vernetzung, die Infrastruktur - das war sehr, sehr inspirierend. Was ich sofort wahrgenommen habe: Hier ist das Publikum ein viel jüngeres, nicht das übliche Museumspublikum. Das U hat etwas Unscheinbares und gleichzeitig Energie. Es ist nicht gemütlich, aber es fühlt sich gemütlich an. Es ist eine rare, eigenartige Mischung von eigenen, authentischen Gefühlen.

Dann wurde ich im letzten Jahr angerufen und gefragt, ob ich interessiert sei. Gleichzeitig war das für mich auch ein interessanter Moment: Ich war in meinem achten Jahr in Utrecht. Ich habe nie länger als sieben oder acht Jahre auf derselben Stelle gearbeitet. Warum? Ich finde es gut für meinen Kopf: Du bist nicht für die Ewigkeit. Und dann kam das Angebot aus Dortmund. Und ich dachte: interessant.

Welchen Eindruck hatten Sie und Ihre Frau, als Sie das erste Mal hier hergekommen sind?

Jacobs: Meine Frau – eine richtige Hard-Core-Amsterdamerin übrigens – und ich waren ganz überrascht über eine Sache – es war so grün wo wir auch hinkamen, ob im Westpark oder mit dem Fahrrad unterwegs. Das hatten wir nicht auf dem Schirm. So grün. Wir sind ein paar Male zurückgekommen und ich habe mich verliebt in die Stadt. Und es hat auch geklappt mit den Menschen. Ich habe ein gutes Gefühl, das kann ich ganz ehrlich sagen.

Wie empfinden Sie die Dortmunderinnen und Dortmunder?

Jacobs: Die meisten Dortmunder, richtige Dortmunder, denen ich begegnet bin, die sind nicht so weit weg vom Holländer. Die sind direkt, die sagen dir etwas ins Gesicht, und dann können wir lächeln. Sie sind nicht misanthropisch, man ist authentisch. Da ist kein Zynismus und das ist wirklich eine extrem starke Kraft.

Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Jacobs: Meine Eltern hatten nichts mit Kunst zu tun. Kunst angucken oder ein Museum besuchen, hieß, Zeit haben und Luxus. Als ich 16, 17 Jahre alt war gab es einen Moment, da war ich mit der Schule in einem Museum. Mein Auge fiel auf einen großen Raum und der war gefüllt nur mit großen schwarzen Metallplatten von drei, vier Metern Höhe. So dick und die standen nur einfach gegen die Mauer gelehnt. Und alles andere war leer. Ich war extrem fasziniert und so beeindruckt, dass ich unbedingt herausfinden musste, wer der Künstler war. Das war Richard Serra.

Ich habe seine Biographie gelesen, habe alle Lesungen von ihm gesehen, ich bin ihm begegnet. Das war für mich der Moment, dass ich die Kunst niemals mehr aus meinem Leben gegeben habe. Das hat zu tun mit der Identifikation. Man sieht etwas, man begreift es und dann ist man ganz überrascht über die große Begeisterung, die man in Sachen, in Dingen darstellen kann, existenziell und ganz divers. Der erste Moment, wenn wir da sind und der Moment, in dem Kultur entsteht. Das ist eine der größten Faszinationen der Menschheit für mich: Nicht nur die Kunst als Kunstwerk, sondern die Kunst als Prinzip, die Kreativität, die nur der Mensch darstellen kann.

Wofür steht ein Museum heute?

Jacobs: Ein Museum war lange Zeit ein Mausoleum. Es mumifizierte die Zeit. Jetzt ist ein Museum die Aktualität. Ein Museum kann nur noch bestehen, wenn man die Aktualität ins Haus holt. Das heißt, man soll und muss die Sammlung bewegen. Ein Museum ist ein Bewegungszentrum geworden.

Stichwort Aktualität. Ihnen ist ein riesiger Coup gelungen mit der Pink Floyd Ausstellung, die 2018 ins U kommen soll.

Jacobs: Ja, ich möchte so eine Ausstellung haben. Sie passt ins U. Es passt in die Zeit, entstand in den 60er, 70er Jahren. Das Totaltheater war ganz neu mit Mode, Licht, Elektronik, Gadgets, Fotografie und so weiter. Wenn man das Haus hier reflektiert, sind das exakt die gleichen Werte: Innovation, Erneuerung, Experiment, Interdisziplinär. Für mich ist das auch ein Zukunftsbild.

Ich finde es wichtig, dass mehr Leute nach Dortmund kommen, dass verschiedene Leute das U besuchen. Mit der Ausstellung haben wir die Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln. Gleichzeitig bin ich allerdings auch Realist. Es soll mit der Ausstellung kein finanzieller Nachteil für andere Projekte im Haus entstehen. Das Prinzip wird sein: Mehr interdisziplinäre Ausstellungen füreinander, für jeden.

Was erhoffen Sie sich von der Pink Floyd Ausstellung in künstlerischer Hinsicht und mit Blick auf die Besucher?

Jacobs: Mit der Pink-Floyd-Ausstellung können wir untersuchen, ob das was für uns ist: welche Elemente künstlerisch interessant sind, welche für das breite Publikum oder für jüngere Leute. Danach kann man entscheiden, ob man alle zwei Jahre so etwas machen sollte. Das ist groß, das ist deutlich, das ist profilierend. Das unterstützt auch Dortmund in der Profilierung, in der Positionierung.

Ich denke, die interdisziplinäre Mischung ist ein Motto, was gut passt. Popularität als Senkung für Hemmschwellen und etwas das einen interessanten Blickwinkel hat verbunden mit einem bekannten Namen.

Die Herausforderung des Hauses besteht ja darin, mit den verschiedenen Akteuren eine Klammer zu bilden. Kann die Ausstellung diese Klammer bilden? Sagen alle im U: "Ja, wir sind dabei!"?

Jacobs: Ja, absolut. Wenn wir sagen nach London, Rom kommt Dortmund – das ist ganz geil. Das gibt so viel Energie. Für jeden. Alle folgen begeistert. In der Zeitung stand, dass das die beste Ausstellung selbst im Victoria and Albert Museum in London ist. Ich war bei den Previews, bei den Eröffnungen und dachte "Oh my god. This is really hot stuff". Ich war ganz begeistert von Aubrey Paul. Er ist der Mann, der alles für Pink Floyd getan hat. Du kennst den brennenden Mann, das Dreieck, der Mann, der im Wasser verschwindet. Auf den Originalen entdeckt man dann, da ist nichts digital, der Mann hat alles manuell gemacht. Wenn man das Bildkonzept sieht und die Musik hört, das ist so interessant.

Machen Sie selbst Musik?

Jacobs: Nein, ich mache selbst keine Musik, aber ich bin Pink-Floyd-Fan, auch schon vor der Ausstellung. Ich denke darüber nach, wie man Musik und Mode und Fotografie zeigen kann. Ich finde das für das U sehr passend.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Jacobs.

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